Rebel without a cause — Kampf um Identität
Das Drama jugendlicher Rebellion ist das Thema in einem ikonisch gewordenen 50er-Jahre-Film — das Thema: archaisch und brandaktuell
Jim Stark ist ein Jugendlicher aus der oberen Mittelschicht, der mit seinen Eltern nach Los Angeles zieht. Jim fühlt sich von seinen Eltern unverstanden und hat Schwierigkeiten, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Es stellt sich heraus, das die Familie schon öfter umgezogen ist, weil Jim in Schwierigkeiten steckte.
An der Highschool wird Jim mit einer Gruppe gefährlicher Rowdys konfrontiert, die ihn zu gefährlichen Mutproben zwingen. Nachbarin Judy, die sich von ihrem Vater seit der Pubertät verstoßen fühlt, gehört leider auch zu der ihn ständig verhöhnenden Clique — natürlich ist sie die Freundin von Anführer Buzz. Jim erhofft sich von seinem Vater Unterstützung und Rat — welcher zur Unterstreichung seiner Schwächlichkeit ständig mit Kochschürze durchs Haus läuft.
Buzz fordert Jim zu einer lebensgefährlichen Mutprobe heraus. Mit gestohlenen Autos rasen sie auf eine Klippe zu, die Situation eskaliert und Buzz kommt ums Leben. Jim, Judy und der elternlose, etwas anhängliche Plato verstecken sich in einer verlassenen Villa und werden dorhin von Buzz’ rachsüchtigen Freunden verfolgt. Am Ende löst sich die Situation auch dank eines verständnisvollen Polizisten auf und Jim und Judy werden ein Paar.
James Dean, der den Film berühmt gemacht hat — und umgekehrt, ist übrigens kurz nach dem im Film überlebten Autorennen im echten Leben bei einem Autounfall gestorben.
Zur Bedeutung des Films
"Denn sie wissen nicht, was sie tun" (Originaltitel: "Rebel Withouta Cause") ist ein US-amerikanisches Drama aus dem Jahr 1955 — und war unser Freitagsfilm letzte Woche.
An Wochenenden lektoriere ich manchmal Bücher als Side-Job. Gerade bin ich mit einem Buch fertig, in dem es um jugendliche Freiheitssuche, Rebellion und damit einhergehende Risikobereitschaft geht. Das ist ja ein klassisches Thema in vielen Romanen und Filmen, aber vor allem die waghalsige, ja mörderische Mutprobe, in die James Dean als Jim in diesem ikonisch gewordenen 50er-Jahre-Film hineingezogen wird, ist mir eingefallen.
Tatsächlich geht es hier — natürlich, aber beim ersten Sehen war ich viel, sehr viel jünger — um das Thema der jugendlichen Identitätssuche, und der dramatischen Formen, die diese annehmen kann. Vielleicht vor allem dann, wenn man sich allein, nicht in die Umgebung passend, nicht von ihr angenommen und nicht verstanden fühlt. Darum geht es zumindest in dem Film, in dem Jim einfach kein Verständnis innerhalb seiner Familie findet — aber dann bei einem Polizisten, einem elternlosen Nachbarsjungen und natürlich, das darf in keinem 50ies-Film fehlen, einem bildhübschen, “guten” Mädchen.
Auch wenn der deutsche Titel, der übrigens ein Bibelzitat ist*, auf wieder mal sehr spezifisch deutsche Art von deutschen TV-Shows verulkt wird (Günther Jauch, Thomas Gottschalk, Barbara Schöneberger):
Hier geht es um ein archaisches gesellschaftsrelevantes Thema: Jugendliche Rebellion bis an den Rand des Gefährlichen (und darüber hinaus!) auf der Suche nach Freiheit und Identität getrieben von der intrinsischen (oft aber unreflektierten Suche nach sozialer Zugehörigkeit und sozialem Status.
Der Film thematisiert zentrale Aspekte der Jugendrebellion und des Generationenkonflikts:
Die Suche nach Identität: Jim und seine Freunde ringen mit der Frage, wer sie sind und wo sie in der Gesellschaft hingehören. Sie suchen verzweifelt nach Reibung, und nach Erkenntnisgewinn durch Perspektivwechsel, durch den sie von außerhalb auf ihr Leben blicken können.
Gesellschaftskritik: Der Film hinterfragt die Moral und Werte der Gesellschaft der 50er Jahre und zeigt die Verzweiflung Jugendlicher, die die Enge und Unaufrichtigkeit des sie umgebenden System spüren.
Autonomie und Mündigkeit: Die Charaktere streben nach Unabhängigkeit und versuchen, sich von elterlicher Kontrolle zu befreien. Sie stellen aber auch fest, dass in der neu errungenen Freiheit neue Aufgaben zu bewältigen sind.
Gruppendynamik und Peer-Druck: Die Darstellung der Jugendgangs und der Druck zur Konformität zeigen die Komplexität sozialer Beziehungen unter Jugendlichen auf der Suche nach neuen sozialen Beziehungssytemen.
“Rebel without a cause” gilt als Prototyp des Teenagerdramas und hat Generationen geprägt. Auch Generationen von Filmen. Wer denkt da nicht zum Beispiel an “Stand by me — Das Geheimnis eines Sommers”, oder David Lynchs “Blue Velvet”? Jims beziehungsweise James Deans Schicksal spiegelt die Ängste, Sehnsüchte und Herausforderungen Jugendlicher und junger Erwachsener wider und bietet eine sensible Darstellung ihrer Lebenswelt.
Aktuelle Bezüge
Ich finde den 75 Jahre alten Klassiker auch heute noch relevant für das Verständnis von Rebellion auf dem Weg zur Identitätsfindung und sozialer Spannungen angesichts von weitgehend unreflektierten Generationen-Themen.
Dieses Thema betrifft nicht nur die Jugendlichen. Und eine Ausgrenzung à la “Die werden sich schon wieder beruhigen” ist vielleicht nicht der beste Dienst an der Gesellschaft. Wäre es nicht besser, wir würden uns fragen, warum sich Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft so verhalten, und was wir daraus lernen können?
Vielleicht kennst du auch in deinem Umfeld jemanden, der sich rebellisch verhält — auf den Ersten Blick unverständlich, aber vielleicht macht das Verhalten aus der Perspektive der Freiheits- und Identitätssuche mehr Sinn?
Viele gesellschaftliche Entwicklungen zur Zeit, bei denen Menschen sich auffällig, auf scheinbar „unnützliche” Art rebellisch verhalten: Wirkt hier untergründig dasselbe Schema der Suche nach Identität, Autonomie und (neuer) Zugehörigkeit?
Fühlst du dich eigentlich auch manchmal rebellisch? Auf eine irgendwie ungute Art und Weise? Vielleicht ist eines der oben aufgeführten Themen betroffen? Dieser Zustand der Adoleszenz, des Erwachsen-werdens — vielleicht ist er stets noch ein bisschen in uns, und nie richtig abgeschlossen?
Mehr Fragen als Antworten — trotzdem, und trotz des schweren Themas, fand ich, der Film war in dieser Woche ein Lichtblick. Ich hatte das Gefühl, ihn endlich besser verstanden zu haben. Außerdem, trotze einiger Längen, Kitsch und flacher Stellen, hat er schon eine ikonische Bildsprache. Unterm Strich: Sollte man mindestens einmal gesehen haben.
Zu guter Letzt:
Weitere Filmanalysen findest du in meinem Blog, ich empfehle dir Minari: Die Macht der Dinge im Verborgenen.
Wenn dich Familiengeschichte interessiert, schau gern meinem Youtube-Kanal das Interview mit meiner Mutter (promovierte systemische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin) zu transgenerationalen Weitergaben von Traumata in Familien.
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*) Die deutsche Übersetzung … denn sie wissen nicht, was sie tun nimmt auf einen Bibelvers Bezug, mit dem Jesus seine Peiniger vor Gott entschuldigen will. Die Worte stammen aus dem Lukasevangelium (Lk 23,34), und sie gehören zum Kreis der Sieben letzten Worte Jesu Christi.