Narrative Insights (03): Die verbindende Kraft der Struktur

Dekorative Verpackung, fabelhafte Fiktion, langweilendes Schwelgen in Erinnerungen, manipulative Marketingtaktik — alle diese typischen Assoziationen mit Storytelling greifen zu kurz. Wir sollten genauer hinsehen, denn Storytelling ist unser uralter natürlicher menschlicher Kommunikationsmodus. Und wir brauchen ihn immer dann besonders dringend, wenn es um ein wichtiges, aber komplexes Anliegen geht. Im Kern ist eine Story eine strukturierte Nacherzählung eines Ablaufs von Situationen, Handlungen und Ereignissen, in der Zeit die Hauptordnung ist (vorher–nachher, Anfang–Mitte–Ende). Diese Erkenntnis kann uns helfen, unsere Kommunikation einfacher, sinnvoller und wirkungsvoller zu machen. Ich zeige dir, wie.

Storys sind überall. Wir entkommen ihnen nicht. Ganz ohne dass es uns bewusst ist, nehmen wir jeden Tag unseres Lebens Narrative auf (die in unseren Gedanken, in Organisationen, Kultur und Medien vorhanden sind), lassen uns davon beeinflussen, knüpfen an diese Narrative an und bilden neue, mehr oder weniger eigene Narrative. Sie wirken identitätsbildend und bestimmen nicht nur, was Andere über uns denken, sondern auch unsere Handlungen.

In den ersten beiden Teilen der Narrative Insights ging es deshalb um zwei Grundlagen: Omnipräsenz — Überall sind schon Story-Fragmente, an die du anknüpfen kannst. Und Displacement of Action — Storytelling ist versetzte Nacherzählung von Ereignissen aus einer subjektiven Perspektive mit einer Absicht.

Heute kommt das Prinzip dazu, das aus diesen Fragmenten eine erzählbare, wirksame Story macht: die narrative Struktur. Wir erinnern, formen und erzählen Storys unbewusst bereits indem wir Handlungen und Ereignisse zeitlich anordnen. Wir ordnen ihnen auch Bewertungen zu, aber die zeitliche Anordnung dominiert die anderen Kategorien. Daher ist sie die Wichtigste und kann uns helfen, wenn es um das aktive, bewusste Konstruieren von Narrativen geht.

Was eine Story von Daten unterscheidet

Wir Menschen sind neugierig und ständig auf der Suche nach Problemlösungen, die unser Leben besser machen.
Gleichzeitig mögen wir keine verwirrenden Informationen – wir brauchen Orientierung, um entscheiden zu können, was wichtig ist.

Genau hier trennt sich die „Information“ von der Story:

  • Eine lose Sammlung von Daten, Beobachtungen oder Stichpunkten ist noch keine Story.

  • Eine Story ist eine strukturierte und Sinn ergebende Anordnung von Situationen und Ereignissen – mit erkennbarer Reihenfolge, Zusammenhängen und Entwicklung.

Dein Publikum sucht nicht nach maximaler Menge an Input, sondern nach einem roten Faden:
Wo starten wir? Was passiert? Wie geht es aus? Und wie hängt das mit mir zusammen?

Zeit als ordnendes Prinzip

Narrative ordnen Informationen als Erstes entlang der Zeitachse. Das heißt nicht, dass die Story immer in chronologischer Reihenfolge erzählt werden muss (das wäre ja langweilig). Aber die zeitliche Anordnung ist trotzdem das regierende Ordnungprinzip.

Auch wenn du zusätzlich mit Themen, Ebenen oder Perspektiven arbeitest – die grundlegende Frage bleibt: Was war vorher, was nachher?

Diese zeitliche Ordnung hat drei Effekte:

  • Sie reduziert Komplexität: Statt gleichzeitig alles erklären zu wollen, vollziehst du Schritt für Schritt nach.

  • Sie stiftet Sinn: Zwischen den Ereignissen entstehen implizite „und dann / weil / deshalb“-Beziehungen.

  • So wird Veränderung sichtbar: Eine Story handelt immer von einer Entwicklung – von einem Zustand in einen anderen.

Ohne diese Struktur bleiben Texte oft ungenießbar: abstrakt, schwer einzuordnen und schnell vergessen. Eine Summe von Worten.
Mit Struktur können dieselben Informationen plötzlich interessant, relevant, verständlich und merkfähig, sogar aktivierend werden.

Infografik mit üblichen Story-Strukturen“ erstellt mit Perplexity AI.

Die einfachste Form: Anfang – Mitte – Ende

Eine der ältesten Beschreibungen narrativer Struktur ist die schon von Aristoteles beschriebene 3‑Akt‑Form: Anfang, Mitte, Ende. Sie lässt sich auf fast jede erzählende Textform übertragen – vom Projektbericht bis zum LinkedIn-Post.

  • Anfang – Die Ausgangssituation
    Wer oder was steht im Fokus? In welchem Kontext? Welcher Wunsch oder welche Aufgabe ist im Raum?

  • Mitte – Die Entwicklung
    Was passiert konkret? Welche Hürden, Konflikte, Entscheidungen, Aha-Momente prägen den Verlauf?

  • Ende – Das Resultat
    Wie geht es aus? Was hat sich verändert – in der Situation und im Verständnis der Beteiligten.

Schon wenn du jede Geschichte und jeden Fachtext mit diesen drei Fragen gliederst, steigt der Narrativitätsgrad deutlich. Statt lose Fakten zu listen, machst du Veränderung sichtbar – und genau diese Veränderung interessiert dein Publikum.

Smarte Anordnung: Wo du Konflikt und Lösung platzierst

Wer erzählt, will etwas. In der Kommunikation bedeutet das: Du verfolgst Ziele – informieren, überzeugen, Orientierung geben, Vertrauen aufbauen.

Mit Struktur kannst du diese Wirkung bewusst verstärken:

  • Platziere einen Konflikt aus Wunsch und Problem früh in der Ausgangssituation, damit klar wird, warum die Handlung notwendig ist.

  • Zeige Startschwierigkeiten und kleine Rückschläge im Mittelteil, um die Relevanz der Lösung zu unterstreichen.

  • Markiere Aha-Momente und Wendepunkte, an denen sich das Verständnis der Beteiligten sichtbar verändert.

  • Lass eine Mentorin, einen Guide oder eine Expert:innen-Rolle dort auftauchen, wo Orientierung gebraucht wird – nicht zufällig, sondern bewusst gesetzt.

Es sind oft nur wenige gezielte Verschiebungen in der Anordnung, die einen Text vom reinen Bericht in Richtung Narrativ bewegen.

STARt: Eine differenzierte aber nicht zu komplizierte Struktur für Expert:innen-Storys

Für deine Arbeit mit Expertise, Projekten und Business-Storys reicht die 3‑Akt‑Struktur oft als Orientierung – aber sie bleibt relativ grob.

Deshalb nutze ich in meinen Story-Coachings und Storytelling-Trainings eine feinere Variante: die STARt‑Struktur.

Sie besteht aus fünf Bausteinen:

S – Situation und Change‑Wunsch
Ausgangslage, Kontext, relevante Akteure – plus der Wunsch oder die Erwartung, dass sich etwas verändern soll.

T – Task (Aufgabe, Problem)
Das, was im Weg steht: Hindernis, Konflikt, Auftrag, Risiko.

A – Action! (Handlung)
Konkrete Schritte, Versuche, Entscheidungen, Experimente.

R – Result (Resultate, neue Welt)
Was ist mess- oder spürbar anders? Welche Effekte sind entstanden – fachlich, organisatorisch, menschlich?

t – transfer (Learning, Appell)
Was lässt sich daraus ableiten? Für andere Projekte, für Kund:innen, für dein Publikum? Welche Einladung sprichst du aus?

Diese Struktur kannst du zur Vorbereitung für alle deine Texte verwenden: Vom Script mit Fragen in einem Gespräch über Posts und Fachartikel bis zum Vortrag und Buch. Das Storyboard dazu schicke ich dir gern zu — schreib mir dafür eine Mail.

Blueprint für deine Texte

Mit der STARt-Struktur kannst du anfangen, deine Kerntexte in einem Blueprint anzulegen — mit einer These in der Mitte (für den Part der Expert:in oder bei den Aha-Momenten) und Textbausteinen. Dann hast du eine Grundlage für nahezu jeden professionellen Text und machst dir das Leben als Wissensarbeiter:in wesentlich leichter — und deine Texte wirkungsvoller.

In welchem Stil schreibst du, welche Beispiele wählst du aus? Ich weiß, dass du dir diese Frage stellst. Jede:r stellt sie sich. Das kannst du später beantworten. Für die Situation der Veröffentlichung knüpfst du an vorhandene Narrative an – das Omnipräsenz-Prinzip: Was kennen deine Leser:innen bereits aus ihrem Alltag, aus der Branche, aus Medien? Und für Beispiele greifst du auf deine Ideensammlung zurück.

Wenn du die Struktur hast, hast du das Fundament und kannst auf Stil, Beispiele und Wortwahl fokussieren.

 

Die Narrative Insights

Die Narrative Insights sind eine Serie von Artikeln, die die Grundprinzipien des Storytellings in eine Sprache für deinen Expertenalltag übersetzen, damit du sie bewusster wahrnehmen und pragmatischer einsetzen kannst. Denn Storytelling ist beides: unsere natürliche Sprache – und eine der wirkungsvollsten und nachhaltigsten Formen der Kommunikation. Indem wir die essentiellen Grundprinzipien beleuchten und die Mechanismen der Sprache erkennen, endecken wir auch das versteckte Optimierungspotential in unserer Kommunikation. Finde mehr zum Thema in meinem Blog und abonniere den Academy Letter für wöchentliche Insights: anjatimmermann.de/blog

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Narrative Insights #05: Die Ebenen der Story

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Narrative Insights (02): Das Prinzip des Displacement of Action