Narrative Insights #05: Die Ebenen der Story

In Kombination mit einer klaren Struktur (Narrative Insights #03) hilft dir das Verständnis der Ebenen einer Story dabei, Inhalte so zu erzählen, dass sie verstanden, gefühlt und als relevant erlebt werden — auch (und gerade) in komplexen Umfeldern. Keine Sorge — du musst keine Märchen erzählen funktioniert auch mit einem kurzen Pitch.

Typischer Ausgangspunkt: Viele Details, verwickelte Struktur, lose Enden

An Schreibtischen, an denen viel Wissen verarbeitet wird, sieht es meist so aus: Es gibt jede Menge gute Inhalte, Konzepte und Ideensammlungen. Aber kein Post-Its kleben, Listen erstellen, neues Tool einführen oder Brainstorming-Meeting hilft: Es fühlt sich einfach nur viel an. Man weiß nicht, wo man anfangen soll und dreht endlose Runden. Am Ende wird der Text nicht rechtzeitig fertig oder es bleibt ein dilettantisches Gefühl nach der Abgabe zurück.

Lost in translation: Wenn aus vielen Worten einfach kein Text entsteht

Ich kenne es aus eigener Erfahrung und zahlreichen Expertencoachings: Es ist alles da, aber in wirrer Reihenfolge. Und oft ist die Hauptbotschaft irgendwo vergraben oder wurde vergessen. Weil sie (aus Sicht der Verfasserin) so offensichtlich ist. Und — das hängt unweigerlich mit der vermissten Kernbotschaft zusammen — aus dem Vielen will und will einfach kein Text entstehen.

Ein probater Lösungsansatz: Erstmal raus. Perspektivwechsel. Dann fällt es uns meist selbst wie Schuppen von den Augen: Es ist ja nie einfach, die eigene Kommunikation ungefiltert mit den Augen des fremdes Lesers, dieses unbekannten Wesens, zu betrachten. Aber genau hinter diese Brille musst du dich klemmen und in diese Schuhe musst du dich zwängen, wenn du Wirkung erzeugen willst.

Es ist wie beim Ballonfahren, nur weniger schwindelerregend: Aus der Distanz werden Strukturen sichtbar.

So helfen die Ebenen beim Sortieren

Der Blogartikel zur Struktur (Narrative Insights #03) zeigt: Eine Story in der man sich nicht verliert hat eine bestimmte Struktur; sie ist keine lose Aneinanderreihung von Informationen. Formeln wie Anfang, Mitte, Ende (Aristoteles), die Heldenreise (Campbell), ABT (Park Howell und Randy Olson), PEACE (Donald Miller) oder eben die von mir verwendete STARt-Struktur (Situation, Task, Action, Result und Transfer) – ordnen die Inhalte zu einer logischen Kette und geben jedem Detail seinen Platz.

Aber nur eine Abfolge von Informationen aufzureihen reicht nicht. Storys sind mächtig, weil sie eine logische Struktur haben — UND auf mehreren Ebenen gleichzeitig Wirkung entfalten.

  • Ein reiner Sachbericht bleibt langweilig.

  • Reine Emotionen berühren kurz, aber wenig bleibt hängen.

  • Nur Relevanz klingt vernünftig, aber nicht wirklich einladend.

  • Und reine Ansagen („So wird das jetzt gemacht“) erzeugen häufig Widerstand.

Eine gute Story verknüpft diese Dimensionen so, dass Leser:innen oder Zuhörer:innen darin Sinn darin finden, die Informationen verstehen, die Relevanz einordnen und auch emotional andocken können: Die Story hat etwas mit dem zu tun, was sie gerade bewegt und was ihnen im Leben wichtig ist. Sie hat eine Richtung. Und eine Absicht.

Die drei Ebenen einer Story

Damit das gelingt, lohnt es sich, systematisch auf drei Ebenen zu schauen:

#1 Äußere Story – was passiert?

Die äußere Story erzählt die Handlung: Welche Ereignisse spielen sich ab, wer tut was, welche Schritte werden gegangen? Ein Fußballspiel muss gewonnen, ein Fall geklärt, eine Aufgabe gelöst werden — in jeder Geschichte wirst du relativ einfach diesen roten Faden erkennen. Er trägt die Handlung, und eine Protagonistin, ein Protagonist oder auch ein Team folgen dem Plan (mehr oder weniger, sonst wäre es ja langweilig und nicht realistisch).

#2 Innere Story – was wird erlebt?

Auf dieser Ebene geht es um das innere Wahrnehmung und Erleben. Was denken und fühlen die Protagonisten? Welche Konflikte, Zweifel, Lernmomente und Aha-Erlebnisse tauchen auf? Die Brüder Grimm haben nach ihrer ersten Ausgabe der „Hausmärchen“ erkannt, das diese Informationen bewirken, dass die Erzählungen lieber gelesen werden — und so finden sich von Ausgabe zu Ausgabe mehr dieser Passagen.

#3 Auswirkung – was bedeutet das?

Die dritte Ebene zeigt, welche Auswirkung die Story auf das weitere Umfeld hat. Was ändert sich für Kund:innen, Organisationen, Märkte oder Gemeinschaften? Welche Risiken werden abgewendet, welche Visionen realisiert, welche Grundwerte gestärkt? Das der große Sinnzusammenhang, der auch eine kleine Anekdote für eine größere Leserschaft relevant machen kann. Das Große Ganze oder ein für die Zielgruppe relevantes Thema spiegelt sich in einem Detail.

Story-Analyse: Ebenen in vorhandenen Texten erkennen

Zum Einstieg musst du nichts Neues schreiben. Nimm dir einen bestehenden Text: eine Case Study, ein Essay oder auch ein Buch aus dem Regal deiner Kinder.

Frage dich beim Lesen:

  • Was ist hier die äußere Story? Was passiert konkret?

  • Was ist die innere Story? Was wird erlebt, überwunden, gelernt?

  • Welche Auswirkung hat das Ergebnis auch für Andere und auf die Welt?

Je klarer du diese Ebenen siehst, desto bewusster kannst du sie in deinen eigenen Texten erkennen (das ist etwas schwerer) und beim Schreiben oder redigieren beachten. Du wirst merken, dass manche Texte eine Ebene stark betonen und andere fast ausblenden – und genau dort liegen oft die Wirkungsverluste.

Beispiel: „Der Herr der Ringe“

Das Prinzip der Ebenen lässt sich gut an einer bekannten Geschichte zeigen.

Äußere Story: Frodos Aufgabe ist es, den Ring als das mächtigste Werkzeug von Mittelerde ins Feuer des Schicksalsbergs zu werfen und damit zu zerstören. Das ist eine Mission, die allein kaum zu schaffen ist – trotzdem versucht er es zunächst allein.

Innere Story: Frodo entwickelt die Fähigkeit zu echter Freundschaft und verantwortungsvoller Führung. Er lernt, Verbündete zu gewinnen, Hilfe anzunehmen und mit seinen eigenen Grenzen umzugehen.

Auswirkung: Der alles vernichtende Krieg wird gestoppt, und eine wertebasierte Ordnung mit Völkerverständigung kann wieder entstehen.

Versuche gern einmal, dieses Schema auf einen anderen Roman oder Film zu übertragen. Wie wäre es mit Star Wars oder einem klassischen Märchen wie Rapunzel? Bei Serien ist es etwas komplizierter, aber das Grundprinzip ist dasselbe.

Ebenen bewusst nutzen – für Kommunikation, die trägt

Übertragen wir das Prinzip der Ebenen auf das Erstellen von Texten, die auch auf strategische Ziele einzahlen sollen, wie es typisch ist in berufliche Kontexten:

Wenn dein Projektbericht nur aus Meilensteinen und Ergebnissen besteht, fällt er flach. Baue dazu einen Neben-Erzählstrang um die inneren Erlebnisse während der Reise auf – und einen dritten um die konkreten Auswirkungen, die eure Arbeit auf den größeren Zusammenhang, etwa die Gesamt-Organisation, das Stadtviertel oder das Netzwerk, hat.

Mithilfe einer einfachen narrativen Struktur und dem Einflechten der drei Ebenen kannst du jetzt komplexe Inhalte so erzählen, dass deine Leser oder Zuhörer folgen können, die Details in größere Zusammenhänge einordnen können und sich mit den inneren Prozessen verbinden (beziehungsweise können sie die Informationen deswegen besser aufnehmen, aber die Theorie ist hier zweitrangig).

Der Transfer am Ende …

Die Schichtung der Ebenen macht die Story mächtig, ohne dass sie episch lang sein muss. Wenn du die Ebenen erkennst und bewusst nutzt, wird deine Kommunikation klarer, tiefer und wirksamer – egal, ob du eine Pressemitteilung schreibst, einen Projektbericht vorstellst oder deine eigene Signature Story erzählst. Geh noch einen Schritt weiter: Wie bei einem Gedicht kannst du beim Feinschliff sogar deinen Text noch verdichten und straffen, indem du die Worte auf die Goldwaage legst. Sie bekommen noch mehr Gewicht durch die Beachtung der drei Ebenen.

Mehr Narrative Prinzipien

In den Narrative Insights geht es um das praktische Verstehen der Mechanismen von wirkungsvollen Texten: Schritt für Schritt zeige ich dir zentrale Grundprinzipien, die du in PR, Coaching und Training sowie interner und externer Business-Kommunikation einsetzen kannst. Poquito poquito.

Wenn du Lust hast, deine eigenen Storys mal unter die Lupe zu nehmen oder dich zu neuen Texten anregen zu lassen, findest du im Blog weitere Artikel zum Schreiben von wirksamen Texten – Beispielstorys, Übungen und Vorlagen, mit denen du deine Formate systematisch narrativ schärfen kannst.

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Narrative Insights (03): Die verbindende Kraft der Struktur