Narrative Insights #01: Omnipräsenz
Reihe Narrative Insights — Basiswissen Storytelling für Expert:innen, Unternehmer:innen und Projekt-Teams.
Storytelling ist ein weites Feld — wo fängt man da an?
Storys, wie alle Texte und Ideen, entstehen nicht in einem Vakuum. Ein Narrativ ist immer schon da. In deinem Kopf, in den Köpfen der Anderen, in Organisationen, Kultur und Gesellschaft.
Wie oft geht es uns so? Wir wollen einen Text schreiben und denken:
Ich habe keine Ideen.
Was kommt an?
Was ist wirksam?
Expert:innen und Unternehmer:innen, die Texte schreiben oder Vorträge halten, kommen im Alltag immer wieder in diese Situation — auch wenn sie geübte Kommunikator:innen und Schreiber:innen sind. Wenn sie einen Text schreiben „müssen“ – für LinkedIn, die Website, eine Pressemitteilung, E-Mail oder für die nächste Präsentation – dann ist das plötzlich nicht mehr so einfach.
Das verstärkt sich oft noch, wenn es plötzlich heißt: Es muss eine gute Story sein. Denn Storytelling begegnet uns in den Medien oft als „hohe Kunst“. Gedanken wie „Ich muss Vorbild sein, aber andere sind besser“ hemmen uns, und uns gehen erst recht die Ideen aus. Als Journalistin hatte ich dieses Gefühl vom Nebel im Kopf jeden Tag mehrfach.
Mit den Jahren habe ich jedoch einen Ansatz entwickelt, mit dem man diese Hürde überwindet und wieder in den produktiven Arbeitsmodus kommt — und am Ende sogar eine bessere Story schreibt.
Deine Story ist schon da — zumindest Teile davon. So entdeckst du sie.
Atme einmal tief durch und stell dir vor: Deine Story entsteht nicht auf einem weißen Blatt Papier. Denn auf diesem Papier steht schon etwas. Sogar ganz viele Storys. Sie verbergen sich nur — als wären sie mit Zaubertinte geschrieben.
Tritt einen Schritt zurück und beobachte erstmal — mit offener Neugier, wie bei einer Feldforschung. Mach dir bewusst, dass überall um dich herum Narrative sind. Denn wir Menschen denken in Narrativen. Es ist einfach das Format, in dem wir uns an Vergangenes erinnern — und Zukünftiges oder parallel an einem anderen Ort Geschehendes projizieren.
Jemand, der oder die schon eine Story im Kopf hat, wird selten einfach eine neue übernehmen. Eine Änderung wird also realistischer, wenn die neue Story an die vorhandene anknüpft.
Du bist umgeben von bestehenden Narrativen und Anlässen, um neue Narrative zu kombinieren. Und sie sind auch in dir. In deiner Erinnerung. Sie verbergen sich nur bei zu viel Druck, alles perfekt machen zu wollen. Aber oft wollen wir etwas perfekt machen, ohne so genau zu wissen, was das sein soll. Perfekt heißt ja nur: fertig.
Nimm dir nicht vor, von Null auf 100 zu kommen — arbeite lieber Schritt für Schritt. Fang erst einmal damit an, Ideen zu notieren. Hinterher kannst du sie testen, anpassen und finalisieren.
Der Vorteil: Wenn du erst einmal nur zuhörst und aufmerksam wahrnimmst, um dann mit Elementen von bestehenden Narrativen zu arbeiten, dann kannst du mit deiner Story an vorhandene Narrative anknüpfen, die bei deinem Publikum und in der Gesellschaft schon da sind. So wird dein Storytelling am Ende wirkungsvoller sein.
Warum interessieren uns Storys, die an Bekanntes anknüpfen?
Narrative sind Muster aus Bedeutungen, Bildern und Erwartungen, die sich durch unsere Biografien und durch ganze Organisationen ziehen. Sie sind omnipräsent: in Routinen, Sprichwörtern, Meetings, Medien, Memes.
Für Storytelling heißt das:
Deine Inhalte werden besser angenommen, wenn sie an bestehende Narrative anschließen.
Du wirst eher ignoriert, wenn du diese Narrative ignorierst oder gegen sie anschreibst.
Wirkung entsteht oft eher beim klugen Andocken als im radikal „Neuen“.
Ein Beispiel: Wenn du an deinen Lieblingssong oder deinen Lieblingsfilm denkst, ist selten nur die reine Information der Grund, warum dich etwas berührt. Berührung entsteht an dem Punkt, wo das Ganze in deinem Leben andockt: eine Stimmung, eine Situation, ein inneres Bild.
Ähnlich funktioniert ein Sketch von Loriot. Er ist lustig, weil er überhöht, was viele kennen: die Mühen der Kommunikation am Wohnzimmertisch, die Absurditäten des Alltags, die feinen Peinlichkeiten bürgerlicher Rituale.
Wir lachen, weil das Geschehen auf der Bühne mit unseren eigenen Erfahrungen übereinstimmt.
Nutze vorhandene Narrative, statt auf die eine geniale Idee zu warten
Wenn du das nächste Mal „keine Idee“ hast, nutze diese kleine Recherche-Routine:
Innere Recherche
Notiere drei Situationen aus der letzten Woche, die dir im Kopf geblieben sind.
Frag dich: Warum genau diese? Was war das Spannende, Überraschende oder Typische daran?
Soziale Recherche
Welche Storys erzählen andere in deinem Umfeld gerade – Kolleg:innen, Kund:innen, Community?
Gibt es wiederkehrende Motive oder Sätze, die du immer wieder hörst?
Kontext-Recherche
Welche Narrative dominieren in den Medien oder in deiner Branche?
Welche Bilder und Geschichten tauchen überall auf – und welche Perspektive fehlt darin?
Aus diesen drei Ebenen entsteht schnell eine kleine Sammlung von Anknüpfungspunkten für deine nächste Story.
Mach dir diesen Ansatz für dein Business-Marketing oder deine Publikationen als Expert:in zu eigen
Gerade in expertisebasierter Kommunikation – Beratung, Forschung, Kreativarbeit, Führung – ist die Versuchung groß, „bei Null“ anzufangen: mit Modellen, Folien, Prozessen. Wirksamer wird deine Kommunikation, wenn du zuerst schaust: Welche Narrative sind bei meinen Adressat:innen schon aktiv?
Du musst deine Story nicht erfinden, du musst nur wahrnehmen und an das andocken, was deinen Leser:innen oder deinem Publikum ohnehin schon relevant erscheint.
Du kannst dir dazu Fragen stellen wie:
Welche Geschichten erzählen sich meine Kund:innen über ihr Problem?
Welches Bild haben sie von „guter Führung“, „guter Kommunikation“, „guter Zusammenarbeit“?
Wo kann ich ihre vorhandenen Narrative bestätigen, wo vorsichtig irritieren – und wo bewusst erweitern?
Das bedeutet: Statt auf „die“ originelle Idee zu warten, beziehst du dich auf vorhandene Storys. Du nutzt Erinnerungen, geteilte Erfahrungen und kulturelle Bezüge als Resonanzboden für deine Kommunikation. So wird es für dich einfacher, und deine Texte werden interessanter und wirksamer.
Etabliere die Omnipräsenz-Haltung als Standard und entwickle deine Storytelling-Praxis weiter
Wenn du anfängst, vorhandene Narrative systematisch wahrzunehmen, verändert sich deine Art zu schreiben und zu erzählen. Du resignierst weniger oder suchst (etwas zu hektisch) nach der einen großen Story — sondern schärfst deine Sinne für das, was schon da ist – in Köpfen, in Organisationen, im kulturellen Umfeld.
In der Serie „Narrative Insights“ schaue ich mir jede Woche einen dieser Bausteine an – von der Story-Natur über die Struktur bis zu Themen wie Transformation und Perspektive. Du findest sie hier im Blog.
Wenn du tiefer in narrative Methoden einsteigen möchtest, findest du in meinem Blog Beispielstorys sowie praxisnahe Methoden und Beispiele aus meiner Arbeit mit Expert:innen und Organisationen.
Am meisten lernst du natürlich im Tun: Nimm dir heute zehn Minuten und starte deine eigene erste Narrativ-Recherche.
Wenn du willst, schick mir eine deiner Beobachtungen und buche ein Strategiegespräch – ich freue mich, mit dir gemeinsam zu überlegen, wie man sie weiterentwickeln kann.

