Cacao Nativo — in der Produktion von Chocolate YOí​ im Amazonasregenwald (Teil 1)

Das Wandbild am Eingang zur Produktionsstätte von Chocolate YOÍ in Puerto Nariño zeigt den Prozess der Kakaoproduktion.

Geerntet und fermentiert im Regenwald, geröstet und gemahlen in Hamburg: Kakaobohnen. Wir lieben ihn, konsumieren ihn täglich und er fehlt in keinem Haushalt: Der Kakao. Vor allem in Lateinamerika gehört er schon beim Frühstück zur täglichen Nahrung einfach dazu. Er ist nicht nur lecker, sondern auch nahrhaft und sehr gesund. Viele der positiven Effekte sind noch gar nicht erforscht.

Die lateinamerikanischen Regenwälder gelten als Ursprungsregion des „Cacao“. Lateinamerika spielt immer noch eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt für Kakao, vor allem Edelkakao. Aber der Kakaomarkt ist schwierig geworden. Die Erzeuger hochwertigen und fair produzierten Kakaos kämpfen mit volatilen Preisen, und Massenproduktion von Billig-Kakao. 

Wir haben den Weg der Kakaobohne nachverfolgt: Vom Baum im Amazonas-Regenwald über die Weiterverarbeitung in einer lokalen, indigenen Produktionsstätte. In Hamburg haben wir sie frisch geröstet und gemahlen. Folge dem Weg des Cacao:

 

Eines Nachmittags im August Puerto Nariño

Was macht man an einem Urlaubstag am Nachmittag? Einen Spaziergang durchs Dorf. Wie man sieht ist die Schule aus und überall sieht man die Schulkinder in ihren gelben Schuluniformen. Sieht bequem aus, denkt sich unser Sohn, und da wir sowieso noch lange Kleidung für einen Nachtspaziergang in den Urwald brauchen, suchen wir nach einem Laden. Da geht man in der autofreien Kommune am besten Richtung Hafen. Das Dorf ist beschäftigt und trifft Vorbereitungen für das Drachenfest. An einem Marktstand am Hafen sehen wir neben anderen Urwaldfrüchten, Bananen und Ananas, die Kakaofrüchte. Dann entdecken wir die Produktionsstätte in einer Seitenstraße. Ich bin froh, dass ich Kamera und Notizbuch dabei habe. Wir gehen rein.

Unser Zuhause auf Zeit: Die Maloca Napü von Gastberin Marine, wo das Wandbild (oben) hängt.


Es duftet köstlich und auch etwas fremd. Süßlich, aromatisch, nach Röstaromen und fast etwas nach Erde und Zitrusfrüchten, aber auch etwas säuerlich. Das kommt von der Fermentation, wie wir gleich erfahren werden.

Am Poster im Eingangsbereich bemerken wir, dass das hier nicht irgendeine Kakaoherstellung ist, wie sie viele einfach an einem Tisch mit einer Pfanne und einer Handmühle hinterm Haus betreiben. Hier steckt ein gefördertes Projekt dahinter. Dazu unten mehr.

Camilo zeigt uns die Produktionsschritte. Zuerst geht es in den Raum, in dem die geernteten Kakaobohnen fermentiert werden. Die Kästen sind leer, zur Zeit sind die Bohnen in der Trockenphase. Drei Wochen werden die fermentierten Bohnen hier im Schatten getrocknet. Daher kommt der Geruch.

Foto: Yomar Abt

Da gerade keine Röstung stattfindet, gehen wir in den Raum, in dem die gerösteten Bohnen gemahlen werden. Hier ist es kühl, denn hier entsteht die Schokolade. Die Mühlen rattern. Es gibt drei: Vom Groben Granulat zum feinen Kakao. Es riecht köstlich. Aus dem Kühlschrank holt Camilo am Ende noch eine Probe mit Pralinen. Natürlich haben wir ihm noch einige Packungen abgekauft, als Geschenke für die Familie in Bogotá.

Die Kakaobäume im Urwald haben wir erst später, auf unserer Tour zum Lago de Tarapoto, gesehen. Sie wachsen neben anderen Urwaldbäumen, und dabei entwickeln sie ihr spezielles, vielschichtiges Aroma. Die Früchte werden von den indigenen Bewohnern der umliegenden Kommunen mit viel Respekt für die ursprüngliche Natur eingesammelt und schonend gepflegt.

Zurück in Deutschland haben wir die mitgebrachten, fermentierten Bohnen in der Pfanne geröstet. Davon berichte ich dir in Teil 2. Auf meinem Schreibtisch habe ich die letzte Packung der inzwischen etwas klebrigen, mit Papaya, Acaí und anderen Urwaldfrüchten gefüllten Pralinen, und habe etwas zu den Hintergründen der Kakaoproduktion in der Amazonasregion recherchiert:

Die Geschichte des Kakaos in der kolumbianischen Amazonasregion

Kakao hat bei den indigenen Kulturen Lateinamerikas eine besonders herausgehobene spirituelle Bedeutung. Der Baum gilt als Geschenk und teilweise auch als Weltenbaum, die Früchte gelten als „Speise der Götter“ und sind immer noch zentrale Opfergaben — und Kakaobohnen wurden sogar als Währung verwendet. Das ist mir schon aus dem Studium und der Doktorarbeit bekannt. Allerdings kommt dieses Wissen, das man daher auch in den wissenschafts-journalistischen Reportagen finden, aus dem Mittelamerika der Maya und Atzteken.

Die Geschichte und Kultur des Kakaos für die Amazonasregion ist lange nicht so gut dokumentiert und erforscht. Sie geht aber mindestens 5.000 Jahre zurück, wie eine Studie aus Ecuador zeigt. Obwohl Kakao hier zu den wichtigsten Exportprodukten der ersten europäischen Händler gehörte und in der ganzen frühen Literatur auftaucht. Tauchen wir trotzdem etwas ein in die Geschichte und spirituelle Welt der Amazonaswald-Bewohner.

Die heilige Bedeutung des Kakaobaums

Der lateinische Name des Kakaobaums, Theobroma cacao , heißt ja schon „Speise der Götter" — das haben sicher die frühen Naturforscher von der indigenen Bevölkerung übernommen. Heiliger Kakao. Die Maya und Azteken in Mittelamerika haben ihn sogar als kosmologischen Weltenbaum dargestellt.

Im Amazonasgebiet nutzten — und nutzen immer noch — indigene Gruppen wie die Ticuna, die wir besucht haben, Kakao für Zeremonien. Archäologische Funde von dekorierten Kakaogefäßen in Gräbern belegen auch, dass die spirituelle Bedeutung als Symbol für Fruchtbarkeit und Kommunikation mit Gottheiten lange zurückgeht.​

Kakaobohnen als Währung

Kakaobohnen dienten bei Maya und Azteken tatsächlich als Zahlungsmittel und waren so wertvoll, dass die sie Produktion und Handel streng regulierten. Eine spanische Preisliste von 1545 dokumentiert präzise: Ein Fisch kostete drei Bohnen. Die spanischen Eroberer etablierten sogar offizielle Umrechnungskurse: 1555 entsprachen 320 Kakaobohnen einem Silber-Peso. Es ging hier um unvorstellbare Menden: Tenochtitlan erhielt jährlich mindestens 22 Tonnen Kakao als Tribut von unterworfenen Staaten.

Kakao als Opfergabe

Kakao wird symbolisch die Nähe zum Blut zugeschrieben. Er war in allen Formen eine zentrale Opfergabe in religiösen Ritualen, vor Allem bei Hochzeiten, Geburten und Übergangsriten verwendet, zum Beispiel als Grabbeigabe.

Zum kolumbianischen Amazonasgebiet fehlt dazu die Forschung. In der Nähe der Kommune San Francisco und der Urwaldschule gibt es eine Bibliothek, sagte mir unser Guide. ​Leider hatte ich dann keine Zeit mehr, sie zu besuchen. Aber in Leticia gibt es das Museo Etnográfico, ein Projekt der Banco de la Republica Colombiana, wo man sich informieren kann .

Quellen: https://umr-agap.cirad.fr/en/news/the-use-and-domestication-of-theobroma-cacao-during-the-mid-holocene-in-the-upper-amazon. Ich bin dem Thema auf der Spur. Update folgt.

Indigene Kakaokultur in der kolumbianischen Amazonasregion heute

Kolumbien ist international für seinen Edelkakao (Cacao Fino de Aroma) bekannt – hochwertige, aromatische Kakaos, die überwiegend von Kleinbauern und indigenen Produzenten angebaut werden.​ Gerade im tropisch warmen Süden des Landes, etwa in den Regionen Leticia und Nariño, entstehen Projekte, die Kakaoqualität steigern und gleichzeitig traditionelle Anbauweisen der Gemeinden bewahren.​

Kakaobaum in San Francisco de Loretoyacu

Kakaofrucht am Baum. Foto: Isuro Ranasinha

Ökologischer Kakaoanbau im Regenwald

In vielen indigenen Kakao­projekten wird der Kakao im Agroforstsystem angebaut, also in Mischkulturen mit Schattenbäumen, Obst und anderen Nutzpflanzen.​ Diese Form des Anbaus schützt den Boden, erhält die Biodiversität und ermöglicht, dass der Kakao als Teil eines lebendigen Waldökosystems statt in Monokulturen wächst.​

Wer hinter Yoí arü óna steht

Hinter Chocolate Cacao Orgánico Yoí arü óna stehen indigene Familien aus der Region, die ihr traditionelles Wissen über den Kakaoanbau mit handwerklicher Schokoladenherstellung kombinieren.​
Die kleine Produktion versteht sich weniger als Fabrik, sondern eher als gemeinschaftsgetragenes Projekt, das Kultur, Sprache und Lebensweise der lokalen Gemeinschaft sichtbar macht.​

So werden Kakao und Schokolade hergestellt

Die reifen Kakaofrüchte werden mit der Hand geerntet, die Bohnen herausgenommen, fermentiert und danach im Halbschatten getrocknet, bevor sie geröstet und gemahlen werden.​ Während dieses Prozesses der sorgfältigen Fermentation und Trocknung entwickeln sich die typischen fruchtig-blumigen Aromen, für die kolumbianischer Edelkakao geschätzt wird.

Natürlich haben wir die Pralinen auch probiert — aber wir wollen es auch selbst ausprobieren und kaufen eine Tüte der fermentierten und getrockneten Kakaobohnen, um sie zuhause in Deutschland in der Pfanne zu rösten. Das Ergebnis siehst du unten.

Ökologische Standards: Tourismus, Bildung und Gemeinschaft

Die Programme für den Kakaoanbau in der Amazonasregion setzen auf Good Agricultural Practices, Waldschutz und nachhaltige Bewirtschaftung, um ökologische und soziale Standards zu stärken.​
Dazu gehören sogenannte Agroforstsysteme, der Verzicht auf Entwaldung und eine möglichst geringe Nutzung von Chemikalien – ein Ansatz, der gut zum Ökotourismus-Profil von Puerto Nariño passt.​

Projekte im Umfeld von Puerto Nariño verbinden häufig Landwirtschaft, Naturschutz und Bildung, etwa durch Führungen, Workshops und den Austausch mit Besucherinnen und Besuchern.​
Eine kleine Kakaoproduktion fügt sich hier als Lernort ein, an dem sowohl die ökologische Bedeutung des Regenwaldes als auch die kulturelle Bedeutung des Kakaos erlebbar werden.​

Das Projekt ASCASANFRA in San Francisco de Loretoyacu

Die Kakaoproduktion in der Region Puerto Nariño ist in der indigenen Gemeinde San Francisco de Loretoyacu genossenschaftlich organisiert: Kernakteur ist die Asociación de Productores Cacaoteros de San Francisco de Loretoyacu – ASCASANFRA, in der sich Kakaobauern aus verschiedenen Gemeinschaften zusammengeschlossen haben.​

Die Mitglieder bewirtschaften ihre Chagras – traditionelle Waldgärten – und liefern den Kakao zur gemeinsamen Weiterverarbeitung der lokalen Verarbeitungsanlage, die ein wichtiger Sammel- und Transformationspunkt entlang des Amazonas ist.​

Binationales Projekt und Förderpartner

Die neue Kakaoplantage und -verarbeitung im sogenannten „trapecio amazónico“ wird von einer binationalen kolumbianisch-peruanischen Initiative getragen, an der unter anderem das Instituto Amazónico de Investigaciones Científicas SINCHI, kolumbianische Behörden und Partner aus dem peruanischen Grenzgebiet beteiligt sind.​
Im Rahmen dieses Programms flossen öffentliche Entwicklungs- und Fördermittel – inklusive Beiträgen einer kolumbianisch-peruanischen Entwicklungs- und Förderarchitektur – in den Aufbau der Anlage, die heute bis zu 650 Kilogramm trockenen Kakao pro Monat zu höherwertigen Produkten wie Kakaomasse, -butter, Pulver, Tafeln und Pralinen verarbeiten kann.​

Quellen, Hintergrund und weiterlesen

Puerto Nariño ist ein ökologisch orientierter Modellort mit Fokus auf sanften Tourismus, Landwirtschaft und Naturschutz, der die indigenen Kommunen der Region einbindet und sie unterstützt. Weiterlesen zur ersten Kakaoproduktion des Ortes (auf Spanisch): https://www.radionacional.co/noticias-colombia/amazonas-puerto-narino-estrena-planta-de-procesamiento-de-cacao-amazonico

Die Kakaoplantage und -verarbeitung in San Francisco de Loretoyacu ist Teil eines binationalen Programms im „trapecio amazónico“, getragen unter anderem vom Instituto SINCHI und einem kolumbianisch-peruanischen Förderfonds. ASCASANFRA ist eine Produzent:innen-Assoziation für die neue Kakaoplattform entlang des Loretoyacu, mit Fokus auf Schulungen und gute Herstellungspraktiken: https://www.ica.gov.co/noticias/ica-amazonas-inauguracion-planta-chocolate

Video auf facebook, in dem man die Produktionsschritte sieht (auf spanisch): https://www.facebook.com/watch/?v=1685980395718572

Hinweis zu den Begrifflichkeiten rund um nachhaltige Produktionsweise:

Die ökologischen Standards in der beschriebenen Kakaoproduktion sind natürlich nicht dieselben, die hier in Europa durch das Öko-Zertifikat ausgewiesen werden. Die Produkte werden auch bis jetzt nicht in die EU exportiert. Aber Kolumbien und die anderen südamerikanischen Länder haben ihre eigenen Standards und auch schon eine längere Tradition mit unzähligen Förderprojekten. Wie wir selbst gemerkt haben, boomen Nachhaltigkeitsprojekte und Ökotourismus an allen Orten. Danke für die Beratung zu Öko-Zertifizierungen in Europa und Expertise zu Begrifflichkeiten von Organisch & co, sowie Anbau und Handeln mit nativen Kakao (Cacao Nativo) an Sigrid Alexander, Expert for Organic regulation & qualification.

Reiseinfos:

Guide Alexis Castillo bringt dich mit dem Boot hin aus Leticia (Instagram: lacolmenatour_amazonas). Die Maloca Napü von Marine (sie ist Französin) kannst du auf airbnb buchen und die Schokoladenproduktionsstätte findest du am Hafen — einfach fragen und vorher auf Instagram bei Yomar Abt informieren. In Leticia, wo der Flughafen ist, kannst du im Hotel Renzeta bei Mara übernachten.

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