Wissenschaftlichkeit: Methode, Haltung — Lebensprinzip?
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Wissenschaftlichkeit: Mehr als nur Wissenschaft betreiben
Das Prinzip der Wissenschaftlichkeit sollte in keinen Fall nur angestellten Wissenschaftlern oder Akademikern mit Abschluss vorbehalten sein. Mehr praktizierte wissenschaftliche Werte und Tugenden, wie die klaren Argumentation, Nachvollziehbarkeit von Behauptungen, angestrebte Objektivität, Veröffentlichung, Kritik und Diskurs — würden unserer Gesellschaft gut tun. Aber sollten wir das Prinzip auch zum Lebensleitfaden erheben?
Oft wird der Begriff „Wissenschaftlichkeit“ mit wissenschaftlichem Arbeiten oder als Wissenschaftler arbeiten verwechselt.
Aber Wissenschaftlichkeit ist mehr:
eine Haltung,
eine Art zu denken,
eine Methode.
Der Begriff „Wissenschaftlichkeit“ entstand in der Frühen Neuzeit mit der Begründung der Modernen Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert. Die Denker der Aufklärung betonten empirisches Wissen und die wissenschaftliche Methode. Sie hatten ihre Gründe dafür: Wollten sie doch ihre geistige Arbeit aus der Kontrolle durch die Kirche und den Staat herauslösen. So wurde zum Beispiel die später weltberühmte Universität Göttingen, an der die Brüder Grimm, zeitweise auch die Humboldt-Brüder, Friedrich Gauß und Emmi Noether lehrten, bewusst nicht in der Regierungsstadt Hannover, sondern in räumlicher Entfernung gegründet.
Die Vorstellung von einer völlig wertfreien Forschung ist natürlich quatsch aus heutiger Sicht. Ebenso abwegig ist der Gedanke, Forschungsergebnisse seien komplett objektiv. Schon die Auswahl des Forschungsthemas kann von subjektiven Einschätzungen und Vorlieben nicht mehr getrennt werden. Habe ich das Forschungsthema des Indigohandels nur angenommen, weil ich Blau mag und es mich Amerika und Übersee näher gebracht hat, und ich außerdem besser Spanisch als Französisch konnte? Vermutlich hat das schon eine Rolle gespielt. Andererseits war die Produktgeschichte des nach Baumwolle wichtigsten Rohstoffs der Industrialisierung tatsächlich eine Forschungslücke.
Einige Philosophen, wie der Biologe Massimo Pigliucci, gehen sogar so weit, Wissenschaftlichkeit (er nennt es Szientismus, oder “being scientistic”) einen vollständigen Lebensleitfaden bieten kann. Es stimmt: Wir brauchen ethische Prinzipien, logisches Denken und wissenschaftliche Erkenntnisse, um fundierte moralische Entscheidungen zu treffen und ein erfülltes Leben zu führen. Aber ich würde nicht so weit gehen. Es muss im Leben auch eine Nicht-Wissenschaftlichkeit zugelassen sein, sonst wird es ideologisch. Einen Aufschwung ideologischer Tendenzen erleben wir gerade weltweit. Und das gerade, wogegen die Wissenschaft ein Mittel sein kann.
Ich halte es mit Karl Popper, der betonte, dass Forschung positiv von Interessen und Zwecken geleitet sein sollte. Andere Kritiker bezweifeln, dass Wissenschaft jemals völlig unabhängig von kulturellen Einflüssen sein kann. Ein wichtiger Zweck ist die Aufhellung, um mich an den englischen Begriff “Enlightenment” anzulehnen. Die Menschen neigen dazu, Angst vor Komplexität und Geschehnissen zu haben, die sie nicht verstehen. Diese Angst, vor allem, wenn sie unreflektiert bleibt, kann zu Verhaltensweisen führen, die unserer Gemeinschaft sehr schaden können. Neugierig sein, hinterfragen, sich annähern, Licht in die Sache bringen und auch sich zusammentun und Probleme gemeinsam lösen — alles das sind wissenschaftliche Tugenden, die, wenn wir sie alle mehr bewusst praktizieren, unserer Gesellschaft zugute kommen, und sogar heilsam sein können.
Was bedeutet wissenschaftliches Denken?
Ich sehe Wissenschaftlichkeit als einen umfassenden Ansatz, der wissenschaftliches Denken, argumentieren (reden und schreiben) und Handeln mit einschließt. Aber es kann auch Grade von Wissenschaftlichkeit geben — in bestimmten Situationen, wie bei einer Präsentation bei der Arbeit, gehen wir vielleicht wissenschaftlicher vor als in anderen, wie in unserer Beziehung, oder beim Kochen.
Das Prinzip der Wissenschaftlichkeit sollte in keinen Fall nur Wissenschaftlern oder Akademikern vorbehalten sein.
Wissenschaftliches Vorgehen beruht auf einer kleinen Zahl von Prinzipien und Methoden, die sicherstellen, dass Behauptungen eine Grundlage haben, die nachvollziehbar und zuverlässig sind. Das sind keine absoluten Größen. Genauer sollten wir vielleicht sagen: Wir streben mit ihnen die größtmögliche Zuverlässigkeit an. Und das ist schon ein Hinweis auf ein zentrales Prinzip:
Wissenschaftlichkeit und Wissenschaft sind Prozesse. Sie sind nie absolut “fertig” oder gültig. Sie richten sich aber nach bestimmten Kriterien und Streben bestimmte Werte an. Das macht das Wissenschaftliche Denksystem sehr klar und für jeden verständlich und zugänglich.
Alle wissenschaftlichen Methoden (Vorgehensweise) beruhen auf wenigen Grundprinzipien, Gütekriterien der empirischen Forschung: Objektivität, Reliabilität und Validität. Diese drei bilden das Fundament wissenschaftlichen Arbeitens. Sie sind eng miteinander verwoben, kommen sogar ohne einander nicht aus, und sind essentiell für die Qualität und Glaubwürdigkeit von Ergebnissen. Ergänzt werden sie durch die Prinzipien der Eindeutigkeit und Überprüfbarkeit, die zur Erreichung der Hauptgütekriterien beitragen.
• Validität stellt sicher, dass tatsächlich das untersucht wird, was erforscht werden soll.
• Reliabilität gewährleistet die Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Messungen.
• Objektivität garantiert, dass verschiedene Forscher unter gleichen Bedingungen zu denselben Ergebnissen kommen. Forschungsergebnisse sollten auf überprüfbaren Beweisen basieren, nicht auf persönlichen Meinungen oder Vorurteilen.
In einem weiteren Sinne gehören noch diese Kriterien zum Korpus der Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens:
Eindeutigkeit und Überprüfbarkeit unterstützen die Umsetzung der Hauptgütekriterien.
Reflexiver Umgang mit Forschungsmeinungen und Kontextualisierung: Wer mitreden will, soll sich der eigenen Perspektive und des Kontexts seiner Forschung bewusst sein und diese transparent machen. Also die Urheber anderer Behauptungen und Ergebnisse klar und nachvollziehbar nennen.
Gut begründete und belegte eigene Meinung/Position: Eigene Aussagen müssen durch Argumente und Beweise untermauert werden, so dass auch die einzelnen Schritte nachvollziehbar sind.
Stringente Argumentation: Schlussfolgerungen sollten logisch und nachvollziehbar aus den vorliegenden Daten abgeleitet werden. Blumige Ausschweifungen oder uneindeutige Begriffe gehören nicht in die Argumentation.
Publikation: Wissenschaftler sollten ihre Ergebnisse publizieren und sich der offenen Auseinandersetzung, auch Kritik, in einem fairen Diskurs stellen. So kann das gültige Wissen ständig optimiert und überprüft werden.
Selbstreflexivität und Selbstkritik: Wissenschaftler sollten ihre eigenen Methoden und Ergebnisse offenlegen, kritisch hinterfragen und bereit sein, Fehler einzugestehen.
Strukturiertes Vorgehen und Darstellen: Forschung sollte systematisch geplant, durchgeführt und dokumentiert werden.
Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Transparenz: Ergebnisse sollten so klar und präzise wie möglich kommuniziert werden, damit sie von anderen nachvollzogen und überprüft werden können.
Der wissenschaftliche Arbeitsprozess nutzt methodisches Vorgehen und zielt darauf ab, das Wissen weiterzuentwickeln. Das heißt ganz einfach, bestehendes (publiziertes) Wissen zu hinterfragen, Lücken im Wissensbestand zu entdecken und durch die Entwicklung eigenständiger Fragestellungen und Forschungsdesigns sowie die sinnvolle Auswahl von Hilfsmitteln und durch Austausch in der wissenschaftlichen Community etwas Neues herauszufinden und der Wissensgemeinschaft zur Verfügung zu stellen.
Tugenden moderner Wissenschaftler
Erfolgreiche Wissenschaftler zeichnen sich nicht nur durch Fachwissen aus, sondern auch durch bestimmte Tugenden:
Staunen und Begeisterung: Neugier und die Fähigkeit, sich für ein Forschungsthema zu begeistern, sind entscheidend für Kreativität und Innovation.
Persönliche Bescheidenheit: Objektivität erfordert die Fähigkeit, eigene Fehler und Grenzen zu erkennen und die Erkenntnisse anderer anzuerkennen.
Ausdauer und Verzicht: Wissenschaftliche Erkenntnisse erfordern oft jahrelange harte Arbeit und die Bereitschaft, kurzfristige Vorteile zurückzustellen.
Dienende Haltung: Wissenschaft dient der Gemeinschaft und sollte nicht nur der eigenen Karriere dienen.
Korrekturbereitschaft: Fehler sind Teil des wissenschaftlichen Prozesses und sollten offen eingestanden und korrigiert werden.
Gemeinschaftsfähigkeit: Austausch und Zusammenarbeit mit anderen Forschern sind unerlässlich für den Fortschritt der Wissenschaft.
Verantwortungsbewusstsein: Wissenschaftler tragen eine besondere Verantwortung für die Auswirkungen ihrer Forschung auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt.
Werte der Wissenschaft
Die Grundprinzipien lassen sich auch verallgemeinernd als “Werte der Wissenschaft” beschreiben und zielen auf eine präzise und wertfreie Beschreibung des Analysierten ab. Zusammenfassend die wichtigsten wissenschaftlichen Werte in allgemeingültigeren Formulierungen:
Eindeutigkeit: Klare Definitionen und präzise Sprache vermeiden Missverständnisse.
Transparenz: Die Methoden und Daten, auf denen Forschungsergebnisse basieren, müssen offengelegt werden.
Objektivität: Forschungsergebnisse sollten unabhängig von persönlichen Meinungen oder Vorurteilen sein.
Überprüfbarkeit: Die Ergebnisse müssen von anderen Forschern reproduziert werden können.
Verlässlichkeit: Die Ergebnisse sollten über einen längeren Zeitraum stabil bleiben.
Offenheit und Redlichkeit: Alle Aspekte eines Themas sollten neutral und ehrlich beleuchtet werden.
Neuigkeit: Forschung sollte zu neuen Erkenntnissen führen.
So gesehen stellt sich die Frage: Können wir diese Werte auch auf unsere Arbeit, zum Beispiel als Journalisten und andere Medienschaffende, als Experten in Unternehmen, Personalentwickler und Führungskräfte, oder als Berater, Coaches und Business-Trainer oder Dozenten übertragen?
Beispiele für moderne Wissenschaftlichkeit
Wissenschaftlichkeit findet sich nicht nur in der akademischen Forschung, sondern sie wird auch die außerhalb des wissenschaftlichen Systems praktiziert. Auch von Menschen, die nie einen akademischen Abschluss erlangt haben, aber trotzdem einen Beitrag zur Wissensgesellschaft im Sinne der Wissenschaftlichkeit leisten.
Beispiele dafür werde ich einen eigenen Blogpost oder Academy Letter widmen. Abonniere gern meinen Letter für Expertenstorys und Praktisches rund um eloquente Wissensarbeit, Thought Leadership und Storytelling.
Anja
Quellen und mehr zum Thema:
Dieser Blogpost wurde angeregt durch ein Interview mit dem Neurokognitions-Wissenschaftler Dr. Franz Hütter. Es ist in diesem Blogbpost zusammengefasst: https://anjatimmermann.de/blog/lasst-uns-wieder-denken-wagen
Inzwischen haben wir ein weiteres Interview zum Thema Wissenschaftliches Denken im Rahmen des Storytelling-Symposiums 2023 geführt, welches in meinem Youtube-Kanal zu sehen ist: https://youtu.be/gE1txQKPunA