Schreibtipp #01: Show and tell. Wie du Nähe und Erleben steuerst
Mit dieser ersten Regel in meiner Schreibtipps-Serie kannst du gut einsteigen und kommst ganz schnell zu dem Punkt, an dem dein Text wirksam wird: Zeigen und erzählen. Oder genauer: Erleben lassen versus erklären. Erzählstil versus Berichtstil.
Was bedeutet „Show and Tell“?
„Show and tell“ habe ich als Unterrichtsformat in der Preschool kennengelernt, in die unser Sohn ging, als wir in den USA, genauer gesagt in Atlanta (Georgia) gelebt haben: Jeden Donnerstag vor dem Schlafengehen haben wir etwas von zuhause ausgesucht (etwas Grünes, etwas Kuscheliges, et cetera, je nach Wochenthema), damit er es am Freitag mitnehmen und in seiner Gruppe zeigen und etwas darüber erzählen kann: Show and tell.
Im Schreib- und Storytelling-Training wird der Terminus inzwischen auch in Deutschland verwendet. Ich habe die Schlussfolgerung, dass „zeigen“ erlebnisfördernder ist als „erzählen“ aber nie ganz verstanden. Denn gerade das Erzählen, also StoryTELLING fördert das Erleben mindestens ebenso, wie einen Gegenstand oder ein Schaubild zu zeigen. Was im Deutschen also wohl mit „zeigen“ gemeint ist, ist: „erleben lassen“. Gleich habe ich einige Beispiele für dich, an denen das deutlicher wird — show, not tell, richtig?
Aber verlassen wir das Feld der Wortklauberei und arbeiten mit der Formel, so wie sie üblicherweise verwendet wird:
Show: Erlebbar machen
Tell: Sagen, also erklären
Was dahinter steckt: Aus Erfahrung lernen
Wir lernen nur, wenn wenn es mit Erfahrung verbunden ist. Hirnforschung, Neurodidaktik und Evolutionsbiologie bestätigen das. Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen.
Wie oft hast du von deinen Eltern gehört: „Der Ofen ist heiß, nicht anfassen." Tu dies nicht, tu jenes nicht. Und wie oft musstest du erst erfahren, wie es sich anfühlt, bis du es wirklich gelernt hattest?
Wie viele Geschichten, wie den Struwwelpeter, haben unsere Eltern und viele Eltern auf der ganzen Welt deswegen erfunden, um sie wieder und wieder zu erzählen?
„Sag mir nicht, dass der Mond scheint; zeige mir das funkelnde Licht auf zerbrochenem Glas." Formuliert der russische Schriftsteller Anton Tschechow.
Eine erste Übung: Halte einmal kurz inne und überlege, welche Beispiele dir aus deiner eigenen Erfahrung einfallen.
Nähe als narratives Kriterium: dosiert einsetzen
Die Nähe zum Erleben der Situation ist eines der narrativen Kriterien, die Storytelling ausmachen.
Das heißt nicht, dass du in deinem Text immerzu 100prozentig das ganze Erlebnis nacherzählen musst. Sonst könntest du Ereignisse und Handlungen nur über sehr kurze Zeitspannen beschreiben. Und du könntest keine Konzepte und Überlegungen erwähnen, die nicht gerade in der Situation erlebt werden, den Lesern aber helfen, das Erzählte in einen weiteren Kontext einzuordnen. Du brauchst also beides.
Schau dir einmal einen beliebigen Text an. Es gibt immer Teile, in denen die Vogelperspektive eingenommen wird, zusammengefasst und abstrakt beschrieben wird, Schlüsse gezogen oder Vermutungen angestellt werden.
Und dann gibt es Stellen, die wie in einer Zeitlupe ganz nah rangehen und uns den Moment in all seinen Facetten erleben lassen. So nah, manchmal, dass wir kleinste Details, wie das Blinzeln eines Auges, miterleben. Oder noch näher, so dass wir in den Kopf des Schreibenden hineinschlüpfen und seine Gedanken miterleben können.
Sind Märchen Erzählungen und Zeitungstexte Berichte?
Nein. Gerade die Volksmärchen hatten einen ausgeprägten Berichtstil. Zum Beispiel die Märchen der Brüder Grimm: Sie waren ja eigentlich Sprachforscher und hatten die mündlichen Überlieferungen zu Anfang aus reinem Erkenntnisinteresse gesammelt. Nachdem sich die erste Geschichtensammlung, die sie als Nebenerwerb mit einem Verleger zusammen publizierten, sich nicht gut verkauft hatte, haben sie für die zweite Auflage nicht nur den Aspekt der Grausamkeit abgemildert, sondern auch den Aspekt der „Nüchternheit“: Sie hatten die fehlende Wirkung des Nähe-Kriteriums erkannt und in einige Passagen nachträglich mehr subjektives Erleben, Gefühle und Gedankengänge der Protagonisten hineingeschrieben, um die Geschichten vor allem für die Zielgruppe der Kinder zugänglicher zu machen.
So kannst du in drei Schritten vorgehen:
Schärfe schon beim Lesen die Aufmerksamkeit auf das Nähe-Kriterium.
Dann übe es an Beispielpassagen. Im Kopf oder schreibe sie auf.
So lernst du, es einzusetzen, wenn es dir angebracht scheint.
Übung:
Wie könnte man diesen Satz im Berichtsstil erlebbarer machen?
Reisebericht: "Ich kam in Venedig an und fuhr mit einer Gondel ins Hotel. Dann ging ich zum Termin, der wegen der Hitze in die frühen Abendstunden verlegt worden war."
Merkst du, wie weit du anfangs noch weg bist vom Geschehen? Wer schon einmal in Venedig mit der Fähre gefahren ist, kann es sich vielleicht vorstellen. Aber selbst dann ist es nicht die Bootslfahrt, die du erlebt hast.
Zum Beispiel hättest du sagen können:
„Die warme Luft schlug mir entgegen, als ich aus dem gekühlten Zug auf den Platz trat. Die hellgelbe Bluse, die ich extra für den Interviewtermin angezogen hatte, war zerknittert und klebte mir am Rücken. Trotzdem reihte ich mich nicht sofort in die Touristenschlange am Kai ein. Ich hatte eine Nachricht bekommen, dass das Interview wegen der Hitze in die Abendstunden verlegt werden sollte. Ich zog meinen Rollkoffer über das Kopfsteinpflaster in eine kühle Seitenstraße, kaufte mir ein Zitroneneis bei „Don Pedro“ und wartete, auf meinem Koffer sitzend, bis der erste Strom von Touristen etwas abebbte. Ich blickte auf das türkisfarbene Wasser und ließ das Flair der Stadt auf mich wirken. Das Eis tropfte auf meine Hand, und eine ältere Dame, die ebenfalls im Schatten wartete, reichte mir freundlich lächelnd ein Taschentuch. Langsam wurde es leerer, Fensterläden schlossen sich, die alte Dame verabschiedete sich: Wer konnte, zog sich vor der Nachmittagshitze zurück.“
Merkst du den Unterschied? Eine detaillierte Szene steuert die Aufmerksamkeit des Lesers und lässt Bilder entstehen. Eine Beschreibung fasst zusammen, hält aber auf Abstand.
Zusammenfassung
Ein sinnvolles Paar: Tell and show.
„Es war so heiß, dass …".
Oder: Show and tell:
„Die Bluse klebte mir am Rücken als ich aufstand. Wegen der Hitze wurde das Interview verschoben.“
Was aber auch geht, ist: Show, not tell.
Statt „hilfsbereit“: „Die Dame reichte mir ein Taschentuch.“
Statt „es war heiß“: „Das Eis tropfte mir auf die Hand.“
Statt: „Viele Touristen“: „Ich wartete bis die Schlange kürzer wurde."
Übung: Stricke doch einmal ein paar Sätze nach dem Muster. An meinem Beispiel oder an einem eigenen:
- Tell
- Tell and show
- Show and tell
- Show, not tell
Fazit: Nähe und Miterleben sind wichtige Kriterien für Wirkung in deinem Text. Nun kennst du den Unterschied und kannst bei Lesen von Texten deine Wahrnehmung schärfen - und beim Schreiben diese Kriterien bewusst einsetzen.

